Aus und vorbei

Continental streicht deutschlandweit 13.000 Stellen. Das Werk in Aachen wird komplett geschlossen.

Bis Ende 2021 ist Schluss: Continental hat völlig überraschend angekündigt, die Reifenproduktion in Aachen einzustellen. Der Aufsichtsrat des Autozulieferers hat den angekündigten Umbauplan samt Werksschließung, trotz Protestaktionen der Beschäftigten, nun endgültig verabschiedet. Das Vorhaben ist Teil eines verschärften Sparprogramms, mit dem bundesweit 13.000 Arbeitsplätze gestrichen werden.

©Markus Feger

Contidemo 260920

Der Schock bei den Beschäftigten, die für Continental in Aachen arbeiten, sitzt tief. Von einem Tag auf den anderen ist plötzlich die Existenzgrundlage von 1.800 Menschen in Gefahr. „Ich habe zwei Kinder und vor einem Jahr ein Haus gebaut“, sagt der 27-jährige Hakan nach Bekanntwerden der neuen Sparpläne auf einer Protestkundgebung vor den Aachener Werkstoren. „Verliere ich jetzt meinen Job, verliere ich auch das Haus und muss meinen Kindern erklären, wieso wir vielleicht sogar in eine andere Region Deutschlands ziehen müssen.“

Mehr als 2.500 Menschen nahmen insgesamt an den beiden Kundgebungen teil, die in zwei aufeinanderfolgenden Wochen stattgefunden haben. Unter ihnen die Beschäftigten, aber auch Freunde, Bekannte und fremde Menschen, die sich mit der gezeichneten Belegschaft solidarisieren. „Mein Kumpel liebt seinen Job hier wirklich. Als ich gehört habe, dass er ihn verlieren soll, wusste ich deshalb sofort, dass er meine Hilfe braucht“, sagte einer der Unterstützer. Auch Chantal Schroers war als Unterstützerin für Ihren Mann dabei. "Jetzt soll er völlig unbegründet seinen Job verlieren? Und dabei soll ich auch noch einfach so zu zusehen? Nein, das ist nicht zu akzeptieren. Denn es geht um mehr als nur um Existenzängste", sagte die 21-Jährige. Es gehe um Respekt und Solidarität.

Viele derzeitige und ehemalige Continental-Beschäftigte fühlten sich als Teil einer großen Familie – bis sie von dem geplanten Stellenabbau hörten. So auch die 68-jährige einstige Conti-Mitarbeiterin Vera Eke: "Als ich hörte, was sich bei Continental zurzeit abspielt, wusste ich gleich, dass ich die betroffenen Menschen unterstützen möchte. Das muss man sich mal vorstellen. Was die sich jetzt für Sorgen machen müssen. Das wünscht man niemanden. All die Familien liegen mir wirklich am Herzen."

"Ich arbeite seit 10 Jahren in diesem Werk als Reifenbauer und es ist eine riesen Sauerei, wie mit uns umgegangen wird", beschwerte sich der 33-jährige Reifenbauer Patrick Ulrich. Das Ganze sei eine Farce und er frage sich wirklich, wieso Probleme geschaffen werden, die ganz offensichtlich nicht sein müssten. "Der Laden läuft. Das weiß ich, das weiß jeder hier. Diese Geldgier löst in mir Gefühle aus, die ich in der Öffentlichkeit besser nicht beschreibe", sagte Patrick Ulrich.

Unverständnis und Trauer war bei den Demonstranten zu spüren. "Der Vorstand will mir meine Existenz und meine Zukunft unter den Füßen wegreißen", sagte Reifenbauer Mohamed Ougned. Obwohl sie Profit machen und Gewinne erzielen würden. "Wir alle hier zeigen immer vollen Einsatz und sind jetzt einfach nur Fassungslos darüber, was der Vorstand mit dem Werk und uns Beschäftigten vorhat." Das sei alles nicht nachvollziehbar und mache ihn sehr traurig, sagte der 48-Jährige. "Ich bin extrem enttäuscht."

Der Reifen-Bereich hat bei Continental lange Zeit zweistellige Gewinnmargen erzielt und selbst im vom Lockdown geprägten Frühjahr 2020 noch schwarze Zahlen abgeliefert. „Seit Jahren arbeiten die Kolleginnen und Kollegen 40 Stunden in der Woche ohne Lohnausgleich, haben die Gewinne aus Aachen die Expansion der Reifensparte weltweit mitfinanziert“, so der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Bruno Hickert. Und das solle nun der Dank sein? Der Konzern plane offenbar Teile der Produktion an Niedrigkostenstandorte zu verlagern. „Dieses Vorhaben trifft uns ohne jegliche Vorwarnung“, sagte der Betriebsratsvorsitzende des Werks, Udo Bohnhof.

Weitere Eindrücke zur Demo gibt es hier.

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